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Rede- und Einführungstexte zu Ausstellungen

Aus dem Katalog des Kreismuseums Peine zur Ausstellung von Ulrich Lipp, 27.2.- 3.4.2005Text von Dr. Ulrika Evers, Leiterin des Kreismuseums Peine

Ulrich Lipps Bilder sind ganz aus Farbe aufgebaut, im Malgestus ganz unterschiedlich, mal pointillistisch hingetupft, mal expressionistisch aufgebaut als mehr oder weniger große Farbfelder wie es Emil Nolde oder Alexander Jawlensky in ihren Farblandschaften schon vormachten, schnell, heftig, gestisch, so dass oft ein flirrender, aufgelöster Bildgrund entsteht, der durch das Auge des Betrachters wieder zu einem Ganzen zusammen gesetzt wird.

Ulrich Lipps Bilder erinnern sehr oft an Landschaften oder Blumenstilleben, obwohl der Künstler dies in den wenigsten Fällen beabsichtigt hat. Seine Arbeiten entstehen nach kleinen Farbskizzen etwa DIN A 6 auf einem Skizzenblock in Ölpastell, allerdings nicht in der Natur, sondern aus der Erinnerung, aus dem, was mit dem inneren Auge zu sehen ist. Die „Wirklichkeit“, die er uns zeigt und die wir zu sehen meinen, ist nicht wirklich die Wirklichkeit, sondern eine Befindlichkeit, eine Gestimmtheit, die bei jedem Menschen anders ausfällt und die nur auf Verabredungen beruht, die wir miteinander zum besseren Verständnis aushandeln.

In manchen Bildern beschreibt der Künstler ganz bewusst eine nachvollziehbare, „gegenständliche“ Landschaft, auch Blumenstücke – Tulpen, Anemonen (Bild 21), in anderen geht es nicht mehr um Gegenständlichkeit. Aber immer darf der Betrachter seine Assoziationen behalten, weil er den gegenständlichen Malanlass noch erahnen kann. In anderen Arbeiten allerdings löst sich Ulrich Lipp vollkommen vom Gegenstand. Da geht es nur noch um Farbe und deren Gestimmtheit, um symbolische, kulturelle und psychologische Werte der Farbe. Bild 17 z.B. ist durch und durch eine abstrakte Farbstudie, aufgebaut aus in sich gebrochenen, skalierten Farbflächen. Trotzdem liest der Betrachter: blauer Himmel, reifes Kornfeld (Gelb überwiegt), grüner Rain, Mohnblumen – ein Sommerbild, das Sehnsüchte weckt. Und noch ein Sommerbild (Nr. 7), ein Mohnblumenfeld, vor Hitze flirrend durch Farbe und den heftig- flirrend hingesetzten, kurzen Strich. Auch Nr. 9 zeigt uns den Sommer, ein „himmelblauer“ Himmel und eine Wasserlandschaft mit Mohnfeld und grünen Auen, aber Nr. 10 ist nur noch loderndes Feuer, zentrierte, brennende Leidenschaft. Bild 8 zeigt uns eine noldesche Landschaft mit dräuend rot-schwarzem Gewitterhimmel, dunkel- und hellgrünen/grün-blauen/grüngelben Hügeln und gelb- orangem, reifem Feld, dramatisch, leidenschaftlich aufgewühlt, auch gleichzusetzen mit einer Seelenlandschaft im Gefühlsaufruhr. Und so lässt sich jedes Bild von Ulrich Lipp lesen.

Wer Augen hat zu sehen und dazu Vorstellungskraft und Fantasie, dem erzählen die Bilder Geschichten, obwohl Ulrich Lipp auf Titel vollständig verzichtet. Geschichten von loderndem Feuer und lodernder Liebe, von Begehren und Auflehnung, von Helligkeit, auf die Schatten folgt, von Waldlichtungen, Kornfeldern, Feldrainen, von Gras, Wasserlilien, einem Mohnfeld mitten im dunkelgrünen Wald, von rot dräuendem Himmel, leuchtend goldenen Sonnenstrahlen, die durch das Gewirr dunkelgrüner Zweige schimmern. Bilder, in deren Anblick versunken wir uns wegträumen dürfen in angenehme Seelenzustände.

Die Psychologie der Farbe spielt bei Ulrich Lipp eine wichtige Rolle, die auf die Befindlichkeit des Betrachters trifft. Farben sind aber immer zwiespältig zu sehen, denn das, was der Betrachter mit einer Farbe verbindet, kann sehr unterschiedlich sein. Wenn Rot meine Lieblingsfarbe ist, nehmen mich seine roten Bilder gefangen. Rot als Synonym von Blut und Lebenskraft, Liebe und Sexualität, Dynamik, Energie, Aktivität, Impulsivität, Wärme und göttlichem Feuer. Rot als Farbe aller Leidenschaften, aller Gefühle, die das Blut in Wallung bringen. Rot gibt Kraft, Stärke. Wenn Rot jedoch für den Betrachter Schmerz, Leid, Wut, Zorn oder sogar Hass bedeutet, wenn der Betrachter „rot sieht“, wird er mit Rückzug reagieren und die roten Bilder als zu bedrängend empfinden. Immer wird der Mensch so zwiespältig auf eine Farbe reagieren, denn immer kommt es auf den Zusammenhang, den Hintergrund, die Kombination der Farben an.

Lipps häufig gewähltes Gelb symbolisiert Sonne, Licht, Energie, Reife, Helligkeit, Optimismus (Optimisten haben ein sonniges Gemüt), Erleuchtung, allerdings auch Neid, Eifersucht, Geiz, Egoismus, Lüge. Nach altem Glauben sitzt der Ärger in der Galle: wer sich viel ärgert, wird gallenkrank, die Haut wird gelb. Bei Gelb denkt man auch an Saures, an Zitronen, Galle. Gelb ist eine Warnfarbe. Wenn in einer mittelalterlichen Stadt die gelbe Fahne gehisst wurde, war die Pest ausgebrochen, auf einem Schiff bedeutet sie noch heute den Ausbruch einer Seuche. Fußballer kriegen die „gelbe Karte“ zur Verwarnung. In Asien ist Gelb die Farbe der Glückseligkeit, der Harmonie, der höchsten Kultur, des Kaisers. Die Nuancen in der allgemeinen Farbcharakterisierung spiegeln sich auch in Ulrich Lipps Bildern wieder:

Blutrot, erdbeerrot, kardinalrot, ochsenblutrot, rosenrot, rostrot, tizianrot, rubinrot;
bernsteinfarben, buttergelb, honiggelb, limonengelb, maisgelb, sonnenblumengelb, vanillegelb, strohgelb;
Aquamarinblau, enzianblau, himmelblau, kornblumenblau, taubenblau, veilchenblau;
Apfelgrün, blattgrün, jadegrün, meergrün, tannengrün; usw.

Wichtig für ihre Wirkung ist auch, wie die Farben in den Bildern zueinander gesetzt sind. Es wird deutlich, dass die Vorlieben, die man bei Ulrich Lipps Bildern entwickelt, sehr viel auch über die eigene Befindlichkeit verraten. Nicht umsonst hat Max Lüscher schon 1948 die „Psychologie der Farben“ für seinen „Lüscher-Farbtest“ 1971 benutzt.

Der Malgrund ist eine weiß grundierte, also neutrale Leinwand in menschlichem Maß, d.h., Ulrich Lipp hat die im Kunstbetrieb beliebte Gigantonomie nicht nötig, seine eigenen Körpermaße sind bestimmend. Es sind Bilder, mit denen man leben, sich umgeben kann.

Der neutrale Hintergrund ist mehr oder weniger zugemalt. Je mehr weißer Grund stehen bleibt, um so leichter, dezenter, zurückhaltender, schwebender werden die Bilder. Dafür sind in anderen Bildern die Farben verdichtet, in flammenden, aber fast ausnahmslosen warmen Farben, die Farbe rot z.B. lodernd, aber das ausgleichende Grün folgt auf dem Fuße. Die Farben wählt Ulrich Lipp zumeist aus einer Farbskala, z.B. ultramarin, primärblau, preußischblau, lilablau, rotblau, Farben, die sich bei der Betrachtung miteinander mischen zu einem Farbklang, rythmisierend, auf und abschwellend in Helligkeit und Dunkelheit. Genau dadurch entsteht eine große Stimmigkeit. Die Farben sind strahlend, durch Terpentinverdünnung der Ölfarbe werden sie an einigen Stellen leicht und durchscheinend, an anderen entstehen komplexe Mischungen durch Übermalungen. Durch die Komplementärkontraste bleibt das Auge in Bewegung, durch lange, eilig hingesetzte Striche, deren farbliche Entsprechung das Auge sucht und die vom Künstler wie selbstverständlich an die richtige Stelle im Bild gesetzt sind. Das Auge muss in Bewegung bleiben, der Blick bleibt beschäftigt. Durch die bewusst gesetzten Komplementärkontraste entstehen Ausgewogenheit und Balance, die an Yin und Yang erinnern.

Der vom Künstler selbst angefertigte einfache goldene Rahmen, unter dem noch ein Rot oder Braun oder Schwarz hindurch schimmert, gibt dem Bild Abschluss, Festigkeit und Halt. Diese Bilder spiegeln vor allem die immense Lebensfreude, aber auch die innere Balance, seine Ausgewogenheit des Künstlers wider. Nur selten ist mir bisher so sehr eine Einheit von Künstler und Leben untergekommen wie bei Ulrich Lipp. Seit vielen Jahren gibt er zusammen mit seiner Frau Rosmarie, einer Psychotherapeutin, humanistische und spirituelle Therapiekurse, in der mentale und emotionale Fragen bearbeitet werden, die zum tieferen Menschsein führen. Und er lebt in einer wunderbaren Hügel- und Waldlandschaft, die innere Stille und Konzentration ermöglicht. Die menschlichen wie auch die Natur- Erfahrungen sind es, die Ulrich Lipp, den ich noch aus seiner Kölner Zeit in den 80ern kenne, seit nunmehr über 20 Jahren beflügeln. Seine Bilder sind ein Gegenpol zu der lärmenden, aufdringlichen Welt „da draußen“, der Welt der Events und den Schreien nach immer neuen Kunstereignissen. Lipps Bilder sind einfach schön und wohltuend, stärkend für einen anstrengenden Alltag, aber deshalb trotzdem nicht einfach.

Ulrich Lipp bewältigt malend, womit sich alle Menschen mehr oder weniger, bewusst oder unbewusst, beschäftigen, um für ihr Leben zu einem Schluss zu kommen, um den Ausgleich der Gegensätze, um die Zusammenfügung von Yin und Yang, damit der Mensch zur Ruhe kommt. Dieser Prozess ist befriedigend im wirklichen Leben wie in der Malerei nur schwer zu erreichen und bedeutet ständige Weiterentwicklung im spirituellen und geistigen Sinne. Darum malt Ulrich Lipp immer wieder ein neues Bild, seit mehr als 20 Jahren mit demselben Thema beschäftigt, und doch immer wieder anders. Und so müsste – angeregt durch diese Art der Malerei – jeder Mensch sein Thema finden, in dem, was seine Begabung ist, sei es Kunst, Mathematik, Pädagogik oder was auch immer, um sich zu vollenden.

Dr. Ulrika Evers, 28.12. 2004

Wertvolle Anregungen aus: Eva Heller, Wie Farben wirken, Reinbek b. Hamburg 2004 (dort auch weitere Literatur)

Schriftenreihe des Kreismuseums Peine Nr. 31, Hrsg.: Dr. Ulrika Evers 28.12. 2004

Einführung zur Vernissage der Ausstellung »Erwachen« im Kreishaus Altenkirchen im Mai 2007

Eine rote Blüte schwebt auf tiefblauem Grund, sprengt ihre Form und erobert mit ihrer Glut den Bildraum. Eine Gruppe Birken erwacht in den Frühling, federt hinein in Himmelsbläue und verströmt lichtgrünen Duft. Dichtes Laub tanzt in starkem Geäst, brennt in Leidenschaft und ergießt sich in einen Reigen aus Gelb, Rot und Blau.

Emil Nolde sagte einmal, Farben würden »vom Maler getötet oder auch lebend gelassen, zu höherem Sein gesteigert.« Vor den Bildern von Ulrich Lipp besteht kein Zweifel, dass hier das Farbleben sich selbst feiert, mit ungebrochener Geste von der Hand des 1957 im Allgäu geborenen Künstlers.

Natur, ihrer Fülle unberaubt und ihrer vitalisierenden Wirkung gewiss, scheint der Bezugsrahmen der Bilder von Ulrich Lipp zu sein. Und doch sind seine Bilder nicht gegenständlich. Zwischen expressionistischer Entladung und impressionistischer Sammlung lässt Lipp Farbqualitäten aufspielen, die stets Zeugnis ablegen vom schöpferischen Puls des Lebens. Was auch immer lebt, hier ist es gemeint, angenommen und wiedergegeben, in reiner Gestalt, die allem Verzerren und Verstellen den frischen Mut der immer vollendeten Präsenz entgegenhält.

So geht kaum jemand unberührt an diesen Bildern vorüber. Deren Vitalität hält nicht an sich. Mit geradezu kindlicher Unbekümmertheit fällt sie in den Wahrnehmungsraum des Betrachters ein und zeitigt dort ein mal vehementes, mal behutsames Erwachen eigener Lebendigkeit, eigener Schöpferkraft, eigener Ungebrochenheit.

Solcher Bezug auf Ursprünglichkeit kann metaphysisch genannt werden. Nicht seicht-gefällige Oberflächen verlassen das Westerwälder Atelier von Ulrich Lipp. Die Urkraft des Lebens lässt sich nicht kalkulieren und domestizieren, und ihre Nachtseiten sind dem Künstler durchaus vertraut. Seit vielen Jahren schon teilt er die heilsamen Weiten und Tiefen von Meditation und Spiritualität mit anderen Menschen. In seiner Kunst wird die Essenz seiner Erfahrung zum pulsierenden Ereignis.

Goethes Wort vom »offenbar Geheimnis« gibt den Fingerzeig auf die Spannung, aus der sein bildnerisches Schaffen hervorgeht – und die er auf die Betrachter seiner Werke überträgt. Geheimnis bleibt dem Menschen der Quell, aus dem das Leben hervorgeht, der es nährt und trägt. Offenbar, unverstellt sicht- und spürbar wird es in der Fülle seiner Erscheinungen. An ihnen den Puls des Quells vernehmbar werden zu lassen, das gibt den Bildern von Ulrich Lipp jene Qualität, die Licht und Materie, dichte Sinnlichkeit und befreite Geistigkeit vereint zu Sinfonien aus Farbe und Freude.

Janssen Peters, Philosoph, Wiesbaden

Einführung zur Vernissage der Ausstellung in der Galerie Max-21, Iphoven 2007

Man meint zunächst, mit rationalen Grundformen habe Ulrich Lipp nun gar nichts im Sinn. Eher fällt einem der Begriff Rausch ein, wenn man vom Stakkato seiner erregten Pinsel-schläge, von der Strahlkraft seiner Vorzugsfarben eingesogen wird in den Strudel seiner Malerei. „Mit Rot und Grün habe ich versucht, die schrecklichen menschlichen Leiden-schaften auszudrücken“, rief Vincent van Gogh aus. Um, in einem ruhigeren Moment, noch ein paar Erläuterungen über seine Methodik nachzuschieben: „Man bewahrt die Farben in der Natur nicht durch buchstäbliches Nachahmen, wohingegen man sie durch Neuschaffen in einer gleichwertigen Farbskala, die durchaus nicht dieselbe sein muß ..., bewahrt.“ Das Zitat gibt einen Hinweis, was Lipp dazu treibt, reine Farben, oft unver-mischte Primärfarben zu kultivieren: der Wunsch, einem Erlebnis, gleich ob angeregt durch die äußere Natur einer Landschaft oder die innere Natur eines mächtigen Gefühls, treu zu bleiben, gerade dadurch daß man es statt in sich verzettelnden fotografischen Details wiedergibt in seiner bestimmenden, klaren Note. Mittels des Pinsels überträgt Lipp das, was ihn bewegt, auf die Leinwand, und die Farbmasse wird dabei nicht in mecha-nisch-gleichmäßigem Rhythmus aufgetragen, sondern so, daß die körperlich-seelische Energie sich niederschlägt quasi in dicken, satten Kommas.

Dr. Roland Held, Darmstadt 2007

Einführunstext zur Ausstellung in der Kunsthalle Kempten, Okober – November 2007

Farbe – sie ist das Medium, in dem Ulrich Lipp sich bewegt. Farbe, locker gesetzt in großzügigen quadratischen Formaten; reine Farbwerte von Blau, Rot, Grün, Gelb. Der Maler nimmt sich die Freiheit, nur wenig zu mischen und die Farben nebeneinander zu setzen, wie die Töne in der Musik.

Landschaft – mal im Weitwinkel, mal mit Zoom ­herangezogen – heißt das zentrale Thema von Ulrich Lipp. In seinen Kompositionen lässt er einen Rest von Naturalismus bestehen, während er das Meiste malerisch auflöst in Pinselpunkte, Farbflecken und Lichtflocken.

Der Himmel ist oben und blau, das Gras ist unten und grün und die Blumen dazwischen sind rot. Soweit ist die Darstellung des Malers verbindlich; alles andere lässt er offen als Grundlage für das synästhetische Sehen.

Die leuchtenden Bilder bieten Wahrnehmungsreize der intensivsten Art, denn nur scheinbar leicht und durchschaubar sprechen sie uns direkt an. Ulrich Lipp lässt uns mehr sehen als er vordergründig darstellt, denn seine Bilder sind voller Zitate für unser inneres Auge. Die Farbwerte erinnern an völlig unbekümmerte Kinder­bilder, der Duktus lässt das Impulsive und Vitale der ­Expressionisten aufscheinen und die kontrastreiche ­Zweidimensionalität ohne Zwang zur Tiefenwirkung ­assoziiert die Bildwelt des Jugendstils. Seine kom­plexen Bildbotschaften vermittelt Ulrich Lipp überaus gekonnt und kunstvoll. Zu seiner Absicht gehört es auch, uns keine Bildtitel als Interpreta­tionshilfe mitzugeben.

Die Stimmung, die Ulrich Lipp in seinen Bildern vermittelt, ist hell, strahlend, positiv. Die Bildformate sind ausgemalt und damit ausgewogen. Warme Kontraste in Komplementärfarben fördern die vibrierende Spannung der Malerei. Die Wirkung der Farben kann mit den Worten Wassily Kandinskys (1952) beschrieben werden:

»Wenn man die Augen über eine mit Farben besetzte Palette gleiten lässt, so entstehen zwei Haupt­resultate:
1. Es kommt eine rein physische Wirkung zustande, d.h. das Auge selbst wird durch Schönheit und andere Eigenschaften der Farbe bezaubert. Der Schauende ­empfindet ein Gefühl von Befriedigung, Freude, wie ein Gastronom, wenn er einen Leckerbissen im Munde hat. Oder es wird das Auge gereizt, wie der Gaumen von einer pikanten Speise [...]. Das Auge wird mehr und stärker von den helleren Farben angezogen und noch mehr und noch stärker von den helle­ren, ­wärmeren: Zinnoberrot zieht an und reizt, wie die Flamme, welche vom Menschen immer begierig angesehen wird. Das grelle Zitronengelb tut dem Auge nach ­längerer Zeit weh, wie dem Ohr eine hoch­klingende Trompete. Das Auge wird unruhig, hält den Anblick nicht lange aus und sucht Vertiefung und Ruhe in Blau oder Grün. Bei höherer Entwicklung aber entspringt dieser elementaren Wirkung eine tiefer­gehende, die eine Gemüts­erschütterung verursacht. In diesem Falle ist
2. das zweite Hauptresultat des Beobachtens der Farbe vorhanden, d. h. die psychische Wirkung derselben. Hier kommt die psychische Kraft der Farbe zutage, ­welche eine seelische Vibration hervor ruft. Und die erste, ­elementare physische Kraft wird nun zur Bahn, auf ­welcher die Farbe die Seele erreicht.«

Ulrich Lipp weiß um die Kraft der Farben und dem entsprechend gestaltet er seine Bilder. Seine Motive hält er so pur wie möglich, um die Stimmung von sommerlicher Heiterkeit, natürlicher Lebenskraft und ursprünglicher Freude in seinen Bildern zu vermitteln. Und so stimmt das, was Ulrika Evers über die Kunst des Ulrich Lipp schrieb: »Lipps Bilder sind einfach schön und wohltuend, stärkend für einen anstrengenden Alltag, aber deshalb trotzdem nicht einfach.«

Ursula Winkler M. A., Leitung Kunsthalle Kempten

Rede zur Eröffnung der Ausstellung von Ulrich Lipp in der Galerie artwork in Speyer am 13. April 2008 Meine sehr verehrten Damen und Herren,

eine Ausstellung, die warme Jahreszeit an Bord genommen hat: eine vom Impressionistischen her beeinflusste Sichtweise zeigt uns in diesen Bildern den festlichen Glanz des Sonntags und enthebt uns durch ihre durchlichtete Farbigkeit der Alltäglichkeit der Eindrücke. Wir erkennen die Verwandlung der Gegenstandsfarben durch das Licht, empfinden gleichsam die Wärme als Stimmungswert, wenn Bäume leuchtend durchsonnt erscheinen und eine Ahnung von lichtvoller Landschaft vermitteln, und zugleich auch bei aller scheinbaren Vertrautheit der Bildmotive auch ein neues Verhältnis zu den geschilderten Bildwelten aufzeigen.

Wir beobachten zwei Möglichkeiten bei Ulrich Lipp, wenn er uns im Ausschnitt einen rhythmisierten Eindruck von der Landschaft bietet. Er bietet panoramahafte Weite im Querformat und nahbildliches Detail. Der Blick führt auf eine durchgrünte Wiese mit blühenden Bäumen. Beide Farben sind teppichhaft angeordnet, keine Perspektive fluchtet in den Bildraum oder reißt uns strudelnd in das Bild. Vielmehr wandert der Blick von links nach rechts und wird durch die violett verschatteten Baumstämmchen rhythmisiert. Musikalität kommt auf, wenn die hellen Blüten wie eine Improvisation von Tönen aufleuchten und nebeneinander gesetzt werden, und das Grün selbst in den einzelnen Farbakkorden von durchlichtetem Gelb bis hin zu tiefstem Schwarzgrün gleichsam orchestriert worden sind.

Auch die Materialisierung der reinen Farbe als autonomer Faktor tritt hinzu, wenn helle Zinnoberrottöne den kraftvollen Charakter anschlagen, ohne dem Bildgegenstand und der Bildkomposition zu dienen. Dabei fällt die Auflösung der Einzelform zu flächenhaften ungebundenen Einzelflächen auf, ein Prinzip der ungegenständlichen Malerei, die durch die Zusammenführung der Einzelformen erst im zueinander und im Dialog der einzelnen Farbflecken den Bildgegenstand ergeben. So entstehen zwei Lesarten. Die Bilder von Ulrich Lipp sind zunächst einmal reine Farbe und als Farbflecken bindungslos autonom auf die Leinwand gesetzt. Erst das Auge fügt die ungebundenen tâches, die Farbflecken also zu der Assoziation eines Bildgegenstandes und damit zu der zweiten Leseart, dass nämlich mit Hilfe der Farbflecken der Bildgegesntand aufgebaut wird.

Das sehende Auge fügt Farbe und Bildgegenstand zusammen und wir können in den Worten von Clarence Lambert die dahinter stehende Aufgabe dieser Farbsetzung erahnen: „ Mit den Farben überblickt der Künstler kein Bildthema mehr, er ist vielmehr eingedrungen in die Farbe, die mich ansieht, ist zum Bruder meines Seins geworden und offenbart sie als gleichnishaften Spiegel der Lebenskraft, die mit Hilfe der Farbe aus der Natur heraustritt“. So kommt es gerade im begrenzten, ausschnitthaft gegebenen Motiv zur Entgrenzung der Wirklichkeit. Zephyr weht durch diese Bildwelten, so dass die Farbe selbst in den Kosmos eingetaucht erscheint und so einen Weg nach Innen beschreitet. Der Malvorgang erweist sich als abwechslungsreiches Stakkato des Pinsels, der die einzelnen Flecken aufgetragen hat und in ihrer dichten Verwebung zu einem melodischen Charakter werden lässt, den man mit heiter, kraftvoll, oder eben musikalisch mit con fucco beschreiben möchte, mit Feuer gemalt.

Das sind Töne, die man sowohl von melodisch dahinziehenden Melodienbögen der Flöten und zugleich den kraftvollen Stößen eines Trompetesignals vermengt erfährt und dazwischen eingefügt die sanften Hirtenschalmeien der Oboe wahrnimmt. Dynamik und Arkadisches vermengen sich in diesen Bildern. Sie bieten als Projektionsort Ruhe und Kraft, sie enthalten Entspannung und Dynamik zugleich, weil in der Farbsetzung leidenschaftlicher Ausdruckswert gefunden wurde, der sich als Charakteristik des Naturhaften mit den Impressionen des Augenblicks und den Farben des Lichtes verbindet. Dabei spielt der Künstler auch mit der Verdichtung und der Durchlichtung der Farbmaterie, die uns einmal schwer und lastend und dann wieder schwebend leicht wie ein Hauch erscheint, in den das Licht eingefangen ist.

Auch die Flecken selbst können ihren Maßstab selbst setzen. Ein kleines annähernd quadratisches Format setzt rote, blaue und gelbe Flächen, die durch tiefe, dunkelblaue Linien so verbunden sind, als ob diese Linien mit den Farben in einem spannungsvollen Gegensatz geraten sind und sich durch die Farbmaterie gleichsam hindurchkämpfen. Sie werden an einigen Stellen von der Farbe überdeckt und an anderen Stellen in der Durchlichtung beinahe aufgelöst und bilden doch das feste Gerüst für diese schwebenden Farbakkorde.

In gleicher Weise modelliert Farbe auch ganz sensibel durch Agglomeration und sogar Coagulation ihre landschaftliche Komposition. Auf den Betrachter wirkt die Assoziation des Landschaftlichen deiktisch, durch Beispiele gegründet.. Betrachten Sie einmal nur bei der Folge der gelb strahlenden Baumkronen, wie sich ihr Farbcharakter durch Zusammenballung vom Gelb zum Orangerot verdichtet hat. Das Schöpferische in der Natur wird vom Künstler in seiner Farbsensibilität beinahe wie ein Alchemist begriffen, der wie einst im Mittelalter die Schmiede der Natur zitiert, indem er Farbe setzt, um dann schöpferisch Form des Natürlichen in der Quintessenz zu erhalten, nicht in der Nachahmung, sondern in der Analogie zur Schöpfung der Natur.

Um dies zu verstehen, kann uns vielleicht Johann Wolfgang von Goethe helfen, der in einem Gedicht »Künstlers Abendlied« die Verbindung von Naturanschauung und Natuerfassung im Kunstwerk reflektiert hat:

„Ach, dass die innre Schöpfungskraft
Durch meinen Sinn erschölle!
Daß eine Bildung voller Saft
Aus meinen Fingern quölle!

Ich zittre nur, ich stottre nur,
Und kann es doch nicht lassen;
Ich fühl’, ich kenne dich, Natur,
Und so muß ich dich fassen.«

Dr. Clemens Jöckle, Städt. Galerie Speyer